Energieverteilung in Chilipflanzen => Welche Früchte entfernen?

Anfänger2013

Jolokiajunkie
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Ich habe eine Rocoto, die erst seit etwa einem Monat mit der Fruchtproduktion begonnen hat. Inzwischen hängt sie voller Früchte in unterschiedlichen Größen. Da die Saison langsam zu Ende geht, wird die Pflanze nicht mehr in der Lage sein, alle knapp 40 Früchte bis zur Vollreife ausreichend mit Energie zu versorgen. Um zumindest einige Früchte noch vollständig ausreifen zu lassen, möchte ich deshalb einen Teil der Früchte entfernen und die verfügbare Energie auf die verbleibenden Früchte konzentrieren.

Jetzt stellt sich für mich allerdings die Frage: Welche Früchte sollte ich sinnvollerweise entfernen?
Das hängt natürlch stark davon ab, wie die Pflanze Energie und Nährstoffe innerhalb der einzelnen Äste verteilt.

Chili-Bild.jpg


Meine Vermutung ist, dass die Versorgung innerhalb der Pflanze nur „nach oben“ bzw. entlang der jeweiligen Triebe erfolgt.

Wenn das so wäre, würde das beispielsweise bedeuten: Entferne ich die beiden Früchte am linken Ast, würde die dadurch frei werdende Energie nicht der Frucht am rechten Ast zugutekommen. Stattdessen würde der linke Ast die frei werdenden Ressourcen für weiteres Wachstum oder die Bildung neuer Blüten und Früchte verwenden.

Auf der linken Seite würde das wiederum bedeuten, dass ich mich eher für die Frucht am Ende des Astes entscheiden sollte. Denn wenn ich die Frucht am Astende entferne, würde die darunter liegende Frucht in der Mitte des Astes möglicherweise nicht von den frei werdenden Ressourcen profitieren.

Meine Frage ist: Liege ich mit dieser Vermutung grundsätzlich richtig? Wie werden Nährstoffe und vor allem die durch die Blätter erzeugten Stoffe (Fotosynthese) innerhalb der Pflanze zu den Früchten verteilt?

Die Antwort auf diese Frage sollte auch für viele andere Chilifreunde wichtig sein, die vor ähnlichen Entscheidungen stehen.
 
Ich denke, die Früchte holen sich einfach, was sie benötigen und es gibt keine bevorzugten Früchte oder Orte. Alle Früchte ziehen stoisch ihr Zeitprogramm durch und werden dann am Ende bunt. Mit mehr Zucker geht da auch nichts schneller, die werden höchstens größer bzw. bleiben kleiner bzw. mehr oder weniger süß und aromatisch. Auch die Samen sind schon lange angelegt und reifen nur noch ab. Meine Früchte bleiben jetzt alle dran und die Pflanzen bleiben bis zum Frost draußen (sie dürfen dann sogar für ein paar frostige Nächte ins Zimmer).
 
Deine Vermutung enthält einen richtigen Kern (lokale Blätter versorgen bevorzugt bestimmte nahe Sinks), aber der entscheidende Punkt ist: Capsicum ist nicht in voneinander isolierte „Versorgungsäste“ aufgeteilt. Assimilate können durchaus von einem Ast zu Früchten an einem anderen Ast gelangen. Wenn du auf dem linken Ast zwei Früchte entfernst, kann der frei werdende Assimilatstrom sehr wohl einer Frucht auf dem rechten Ast zugutekommen. Er wird allerdings nicht vollständig dorthin umgeleitet. Die Pflanze kann damit auch andere Dinge tun:
  • verbleibende Früchte stärker versorgen,
  • Wurzeln versorgen,
  • Triebwachstum betreiben,
  • Reservestoffe bilden,
  • oder schlicht die Photosynthese etwas herunterregeln.
Bei Capsicum führte das Entfernen stark wachsender Früchte in einem klassischen Experiment innerhalb weniger Tage zu einer Abnahme der Netto-CO₂-Aufnahme der Blätter um bis zu etwa 30 %. Die Pflanze produziert also nicht einfach weiterhin dieselbe Kohlenhydratmenge und verteilt sie nur auf weniger Früchte; Source und Sink regulieren sich gegenseitig.

Umgekehrt wurde ebenfalls experimentell gezeigt, dass das Entfernen von Früchten an unteren Knoten das Wachstum anderer, höher sitzender Capsicum-Früchte beschleunigte. Das ist eigentlich der direkte Gegenbeweis gegen die Vorstellung, dass jede Frucht ausschließlich ihren lokalen Ast „anzapft“.

Für deine Situation Ende September mit knapp 40 Früchten würde ich vielmehr in dieser Reihenfolge ausdünnen:
  1. Alle neuen Blüten und Fruchtansätze weg. Sie haben praktisch keine Chance mehr, draußen auszureifen, konkurrieren aber als aktive Sinks.
  2. Die kleinsten, zuletzt angesetzten Früchte entfernen. Das sind diejenigen mit der geringsten Wahrscheinlichkeit, noch physiologisch voll auszureifen.
  3. Danach bei Bedarf die deutlich jüngeren mittelgroßen Früchte reduzieren.
  4. Die größten, am weitesten entwickelten grünen Früchte unbedingt behalten – unabhängig davon, auf welchem Ast sie sitzen.
  5. Gesunde Blätter dagegen möglichst nicht entfernen. Gerade jetzt brauchst du maximale Source-Fläche.
Ausdünnen kann eine noch wachsende Frucht schneller bis zur Vollgröße bringen. Es kann außerdem verhindern, dass sie wegen Assimilatknappheit in ihrer Entwicklung hängen bleibt. Die Zeit von „ausgewachsen grün“ bis „vollständig reif gefärbt“ lässt sich dadurch aber wahrscheinlich nur begrenzt verkürzen.
 
Blüten und Fruchtbabys entfernen bringt vermutlich nichts, weil das Wachstum kleinerer Früchte sehr viel weniger Nährstoffe braucht als das schon größerer Früchte, die noch größer werden...
 
Zuletzt bearbeitet:
Meine Vermutung ist, dass die Versorgung innerhalb der Pflanze nur „nach oben“ bzw. entlang der jeweiligen Triebe erfolgt.
...so lange die Triebe intakt sind ist das wohl so, ich habe jetzt drei Pflanzen oben stehen, mit eingekūrzten Trieben, einfach aus Platzgründen, es geht nur noch ums Ausreifen...kleine Fruchtansätze am Ende der Triebe wachsen jetzt nicht mehr, deswegen reift die große Frucht daneben trotzdem aus...
 
Hallo @KölnKräuter ,danke für die Erklärung. Die erwähnten "Sinks" bringen mich auf die Idee, dass der Transport der Assimilate entgegen der Transportrichtung des Wassers durch einen Konzentrationsausgleich von Zelle zu Zelle erfolgen könnte.
Stelle ich mir das so richtig vor?

Die Versorgung von den Wurzeln ist ein guter Beweis, dass die Verteilung der Stoffe auch gegen den Wasserstrom erfolgt.

Wenn du eine gute Quelle für Informationen zu dem Thema hast, dann wäre ich dir für einen Link/Buchempfehlung dankbar.
Ich finde zwar einige Internetseiten zu dem Thema sink-source-Relation, aber die beantworten nicht so richtige die Details des Transports.
Die Quelle darf ruhig etwas anspruchsvoller sein.
 
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Starte mit Steer, B.T. & Pearson, C.J. (1976): Photosynthate translocation in Capsicum annuum. Planta 128, 155–162. DOI 10.1007/BF00390317. und Hall, A.J. (1977): Assimilate Source-Sink Relationships in Capsicum annuum L. I. The Dynamics of Growth in Fruiting and Deflorated Plants. Australian Journal of Plant Physiology 4, 623–636. DOI 10.1071/PP9770623.

Schnelle URLs:

Zu den Source-Sink Fragen empfiehlt sich
Braun, D.M. (2022): Phloem Loading and Unloading of Sucrose: What a Long, Strange Trip from Source to Sink. Annual Review of Plant Biology 73, 553–584. DOI 10.1146/annurev-arplant-070721-083240.

De Schepper, V., De Swaef, T., Bauweraerts, I. & Steppe, K. (2013): Phloem transport: a review of mechanisms and controls. Journal of Experimental Botany 64, 4839–4850. DOI 10.1093/jxb/ert302.

Marcelis, L.F.M. (1996): Sink strength as a determinant of dry matter partitioning in the whole plant. Journal of Experimental Botany 47, 1281–1291. DOI 10.1093/jxb/47.Special_Issue.1281.

Wenn du da tiefer einsteigen willst, das Thema ist hervorragend untersucht, da lässt sich viel finden, sprengt ein Posting
 
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Super, vielen Dank!

Ich habe schon befürchtet, dass ich nicht darum komme mir die englischen Fachbegriffe anzueignen, dabei habe ich immer noch Probleme mit den deutschen.

Eigendlich ist es aber egal, ob ich die deutschen oder englischen Fachbegriffe lerne.
 
Wenn du mal richtig extreme Sektoralität sehen willst:
Alkio, Diepenbrock & Grimm (2002): Evidence for sectorial photoassimilate supply in the capitulum of sunflower. New Phytologist 156, 445–456. DOI 10.1046/j.1469-8137.2002.00524.x.

das ist aber NICHT 1:1 auf Chilis übertragbar!

Was macht man dann in der Praxis? Um ehrlich zu sein, ich mache genau garnix.
 
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